Dienstag, 29. Oktober 2019 – Eröffnung

„Nichts hat sich verändert – Alles ist anders geworden“

„Es kommt mir so vor als ob es erst gestern gewesen wäre …“ – Ja, ich weiß. Ein abgedroschenes Klischee, mit dem einen auch Tanten mit zweifelhaften Verwandtschaftsverhältnissen beim Geburtstag der Oma begrüßen. Und trotzdem stimmt’s. Wahrscheinlich ist es ja so auch zum Klischee geworden. Es kommt mir wirklich so vor, als ob es gestern gewesen wäre: Ich schlendere durch den Regen, der sich nicht richtig entscheiden kann, ob er jetzt Niesel- oder Platzregen sein will, die Prä-November-Kälte schlägt mir ins Gesicht und die Filmfestfahnen wehen quietschend im Wind vor der Stadthalle. Ich frag mich, ob das wirklich alles schon, oder erst ein Jahr her ist. Schließlich hat sich nicht wirklich was verändert: Ab 18 Uhr tröpfeln die ersten Filmfestbesucher in die Stadthalle. Darunter einige vertraute Gesichter. Ich trage das gleiche Jackett wie im letzten Jahr und im Jahr davor (und nein, ich hab‘ es zwischendurch glaube ich nicht reinigen lassen) und ich muss mir gut überlegen, ob ich auf nüchternen Magen noch ein weiteres Glas Sekt vertrage. Denn: Einiges scheint  anders geworden zu sein. Es gibt dieses Mal vor dem Eröffnungsfilm keine Snacks (der Schwabe als Gewohnheitstier in a nutshell)! Und ja, natürlich liegt durch die Übernahme der Intendanz durch Helga Reichert eine besondere Spannung in der Luft und ist natürlich Inhalt vieler Gespräche. 

Doch als um kurz vor 19 Uhr schließlich das Gedränge an den Eingangstüren los geht und die Zuschauer so langsam ihre Plätze einnehmen ist klar: Nein, die Filmfestspiele sind nach der Übergabe der Intendanz nicht einfach implodiert. Nichts hat sich verändert. Und doch ist alles anders geworden. Zum ersten Mal seit 40 Jahren spielt Gründer Adrian Kutter nur noch eine Nebenrolle. Nur kurz steht er nochmal im Rampenlicht, als der Oberbürgermeister Norbert Zeitler ihm die wohlverdiente Ehrenbürgerwürde anbietet. Danach übernimmt Helga Reichert endgültig das Steuer, als hätte sie (Achtung Spoiler Alert) nie etwas anderes gemacht. Klar ein bisschen Nervosität merkt man ihr an, aber wer ist das nicht bei ca. 800 Zuschauern. Mit viel Charme, Witz und großer Souveränität präsentiert sie den Abend und leitet – nicht wie im letzten Jahr – ohne viel Rahmenprogramm und Schnick-Schnack über zum Eröffnungsfilm.

„Der Sommer nach dem Abitur“ kommt als klassisches Road-Movie im besten Sinne daher. Alexander, Ole und Paul wollen das nachholen, was sie damals zwischen der jugendlichen Unbekümmertheit der Post-Abi-Zeit und der plötzlichen Übernahme der Verantwortung für ihr eigenes Leben verpasst haben: Das Konzert ihrer damaligen Lieblingsband „Madness“. Analog zum Namen der Band, wird die gemeinsame Fahrt im quietschgelben VW Golf GTI 1 wirklich wahnsinnig, bzw. wahnwitzig. Schnell merkt man, dass es um mehr als ein Konzert. Denn die Reise zum Auftritt ist eine Reise in die Vergangenheit und damit vor allem zu sich selbst. Um mal bei der Auto-Metapher zu bleiben, werden die liebenswürdigen und sehr menschlichen Protagonisten unweigerlich mit der Frage konfrontiert, wo man denn bitte falsch abgebogen ist, oder was für ein Ziel man eigentlich ins imaginäre Navi eingegeben hat. Denn dort wo jeder Einzelne gelandet ist, wollte gefühlt keiner so wirklich hin. Alex, vordergründig erfolgreicher Pharmareferent, Anzug, dickes Auto, schönes Haus, Frau und Kind, muss gefühlt dutzend verschiedene Psychopharmaka schlucken, um mit seinen ganzen Ängsten und Unzulänglichkeiten klar zu kommen. Paul hangelt sich von einer Notlüge zur Nächsten, ist offensichtlich in massiven finanziellen Schwierigkeiten und braucht die Reise noch mehr als seine alten Schulfreunde. Und der herzzerreißend ehrliche Ole, freischaffender Autor von Ratgebern, wird immer aufgrund seiner liebenswürdigen Art immer wieder von seiner Umgebung ausgenutzt. Eoin Moore, der über den ganzen Film einen wunderbar aus der Zeit gefallenen analogen, leichten Sepia Look legt und das Publikum auch mit Hitparaden-Klassiker aus den 80ern sofort abholt, darf ein wunderbares Schauspielensemble anführen. Bastian Pastewka hat als Alex den Stock so grandios tief im Arsch, dass man ihn gleichzeitig hassen und lieben kann. Fabian Busch lässt sich so herrlich von seinen Emotionen treiben und mit Hans Löw leidet man richtig mit, wie er sich immer tiefer in ein Netz aus Lügen verstrickt, um sich vor seinen Freunden keine Blöße geben zu müssen. Und so ist erst einmal alles wie immer und jeder nimmt die ihm aus Kindertagen wohl vertraute Rolle innerhalb des Trios an. Paul, der Draufgänger und Frauenheld, Ole der gefühlt immer zu kurz kommt und der spießige Paul, der bei jedem Nervenkitzel zu kneifen versucht. Und doch ist alles anders geworden. Auf engem Raum werden die Probleme und Unzulänglichkeiten der Figuren nach und nach offensichtlich und führen unweigerlich zu urkomischen Konflikten und legen dabei für alle schmerzliche, tragische Wahrheit frei. Egal wie sehr man es versucht, man kann eine längst verblasste Vergangenheit und den Zauber einer jugendlichen Freundschaft nicht einfach mit der Kraft der Erinnerung wieder heraufbeschwören. Man kann in der Zeit nur nach vorne gehen und nach neuen verbindenden Elementen, die über den gleichen Musikgeschmack hinaus gehen, suchen, um letztendlich die Möglichkeit für eine neuere, tiefere Freundschaft zu schaffen. Der langanhaltende Schlussapplaus zeigt dann ganz deutlich: Die Hauptrolle bei den Filmfestspielen spielen wie immer die Filme der deutschsprachigen Filmemacher. Nichts hat sich verändert. Alles ist anders geworden. 

 

 

  

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