Freitag, 01. November 2019

Reden ist Silber – Schweigen ist…?

Ich krieche aus dem Bett. Ich bin noch ziemlich verschlafen und merke, dass ich mir wieder eine typische Filmfesterkältung eingefangen habe. Die langen Tage in der trockenen Kinoluft machen einem zu schaffen. Egal. Hustenbonbon rein und auf geht’s. Ich starte mit dem zweiten Kurzfilmblock. Ein Kontrastprogramm zum Block 1 in dem es noch viel zu lachen gab. Los geht es mit „21. März“, der von dem syrischen Flüchtling und Schauspieler Yazan Alnakdali in Biberach und Umgebung gedreht wurde. Der 21. März ist der syrische Muttertag. Ausgerechnet an diesem verliert eine Mutter ihr 5-jähriges Kind an die Gewalt des sinnlosen Bürgerkriegs. Ein Erlebnis über das der syrische Krankenpfleger nicht sprechen, sondern nur schreiben kann, um es zu verarbeiten. Yazan Alnakdali schafft einen Film der große Betroffenheit auslöst, auch weil alle Darsteller selbst vor dem bewaffneten Konflikt und Terror in ihrem Heimatland fliehen mussten. Fliehen musste auch Laura aus „Allein mit dir“ von Lynn Oona Baur, nämlich vor ihrem missbrauchenden Vater. Dieser leidet nun unter Demenz und ist nun so verletzlich wie es Laura, eindringlich gespielt Jasmina al Zihairi, in ihrer Kindheit war. Die Kameraführung von Daniel Leibold und der Schnitt von Robert Strauss lassen den Zuschauer die intensive Angst und die tiefen Wunden der Protagonistin empfinden, die aus der Kindheit bis ins Erwachsenenalter nachhallt. Auch hier dominiert neben dem Missbrauch das Unausgesprochene in der Familie die Konflikte. Es scheint so als ob „Alternativen“ einem nun ein bisschen Zeit zum Durchatmen bieten würde. Aber weit gefehlt. Eigentlich möchte ich nicht zu viel des Films vorweg nehmen, aber er das Thema ist zu wichtig, um es nicht zu tun. Geschickt etabliert nämlich das Ehepaar Benjamin Kramme und Jennifer Sabel, die sogar zwei Filme im Kurzfilmwettbewerb haben, einen typischen Familienkonflikt. Mutter und Tochter haben ein unterkühltes Verhältnis und die Großmutter nimmt ihre Medikamente nicht. Geschickt wird man dabei an der Nase herumgeführt, weil man zunächst für die schwangere Tochter eigentlich große Sympathien hat. Doch als klar wird, dass diese für die Alternative für Deutschland im Landtag sitzt, tappt man als Zuschauer unweigerlich in die Falle. Der Film führt vor Augen, wie in den letzten Jahren das Politische, Konflikte in familiäre und freundschaftliche Beziehungen auslösen kann und dass man rassistische Ideologie nicht an Äußerlichkeiten erkennen kann. Politisch schließt der Block mit „Farasha“ von Dino Weisz ab. Karim ist ein deutscher Soldat, der in einem Flüchtlingsheim potenzielle Gefährder aufspüren soll. Als er vertrauliche Informationen außerhalb der Ausgangssperre abholen muss, wird er von einer selbst ernannten Bürgerwehr verprügelt. Was zunächst wie eine dystopische Zukunftsphantasie klingt, ist aber leider bittere Realität in z.B. Leipzig und Umgebung, der Heimat des Regisseurs und Drehbuchautors. Ein unbequemer Start in den Tag.

Auf den nächsten Film freue ich mich ganz besonders. Der Debütspielfilm „Sag du es mir“ von Michael Fetter Nathansky wurde nämlich von Karoline Henkel, Arto Sebastian und Jasper Mielke produziert. Genau vor zwei Jahren durfte ich mit meinen Jury-Kolleg*innen an das Team den Publikumsbiber für den Film „Schneeblind“ übergeben. Jetzt haben sie mit „Sag du es mir“ wieder einen Film im Debütwettbewerb. Und was für eins. Silke wird von René von einer Brücke ins Wasser gestoßen. Der weiß nicht, warum genau er das getan hat. Es hat ihn einfach überkommen. Monika, Silkes Schwester, will aufklären was passiert ist und macht sich auf eigene Faust auf die Suche nach dem Täter. Was jetzt erst einmal nach einem sehr ernsten Film klingt, kommt mit unglaublich viel Humor daher. Verantwortlich dafür sind einerseits die grandiosen banal-philosophischen Dialoge und andererseits die Schauspieler*innen Gisa Flake, Christina Große und Marc Ben Puch die die Sätze so wunderbar aufeinander in abfeuern. Besonders ist aber an der Drehbuchvorlage vor allem, dass Miachel Fetter Nathansky in der Erzählung der Geschichte sich nicht an Konventionen und alltägliche Sehgewohnheiten hält. Eigentlich bekommt man die gleiche Geschichte insgesamt drei Mal erzählt. Jedes Mal aus dem Blickwinkel einer der Hauptfiguren. Geschickt streut er die Informationen so, dass erst nach und nach die ganze Wahrheit der Geschichte und auch die unterschiedlichen Perspektiven auf die Ereignisse ans Licht kommen.

Nachdem in „Sag du es mir“ viel geredet wurde, weist der Titel des für mich letzten Films des Tages – „Totgeschwiegen“ - in eine komplett andere Richtung. Drei Jugendliche, Mira, Fabian und Jakob sind unmittelbar am Tod eines Obdachlosen schuld. Der Ablauf der Tat, ob es nun Notwehr war, oder nicht, bleibt bis zum Ende unklar. Im Mittelpunkt der Geschichte steht auch nicht die Ermittlungen der Polizei und die Aufklärung der Tat (was eine große Stärke in der krimilastigen Fernsehlandschaft ist), sondern vielmehr wie die verschiedenen Beziehungen in dem Figurengeflecht extrem unter Druck geraten. Die Eltern der Jugendlichen sind sich nämlich zum Großteil einig: Niemand geht zur Polizei. Nur Miras Stiefvater und Jakobs alleinerziehende Mutter sehen das anders. Das Psychogram stellt die Moralfrage, die man auch nach 90 Minuten, nur schwer beantworten kann: Wie weit geht man als Eltern um seine Kinder zu schützen? Ist man bereit einen Mord zu verschleiern, wenn es denn einer war? Die erdrückende Macht der moralischen Fragen, lässt die lange schwelenden Beziehungskonflikte eskalieren. Neben dem tollen Schauspielensemble wird der Film durch die cinematische Kamera von Bern Fischer getragen. Insgesamt ein sehr untypischer Fernsehfilm und das ist als ein riesiges Kompliment!

Danach ist für mich heute Schluss. Schließlich liegen noch zwei lange Tage vor mir und so langsam merk‘ ich den Filmmarathon, obwohl ich dieses Jahr weniger Filme schaue als in den Jahren davor. Aber man wird halt irgendwie nicht jünger… Zu Hause angekommen, falle ich in einen tiefen Schlaf in dem ich immer wieder vom Festival und von den Filmen träume.

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