Mittwoch, 30. Oktober 2019

Das Leben leichter machen

Endlich ist er da – der erste richtige Festivaltag. Ich weiß. Gestern war Eröffnung. Aber wenn man andere Leute im Traumpalast mal zitieren will, dann ist die Eröffnung ja eigentlich nur das „Vorspiel“. Zum reinkommen in den Filmmarathon hab‘ ich mir eine Doku ausgesucht. „Die jungen Kadyas“. Junge Menschen die singen. „Leichte Kost zum Anfang“, denk ich mir. Ich sollte mich gewaltig irren! Schon zu Beginn fällt einer von vielen Sätzen, die man sich aufschreiben sollte, weil sie einem im Leben wohl weiterbringen. „Ich glaub‘ dass jeder Mensch in diese Welt geboren wird, um das Leben eines anderen einfacher zu machen.“, sagt Alan Bern, der das multikulturelle Musikprojekt leitet, welches der Dokumentarfilm begleitet. Mädchen an der Schwelle zur und in der Pubertät aus einem Chor in Weimar, fliegen nach Israel um dort mit dem „Voices of Peace“ Chor gemeinsam Lieder zu lernen. Der „Voices of Peace“ Chor ist dabei ein musikalisches Inselprojekt. Junge Mädchen verschiedener Religionszugehörigkeiten und mit unterschiedlichem ethnischem Hintergrund treffen sich einmal wöchentlich, um gemeinsam zu singen. In der konfliktgeprägten Region keine Selbstverständlichkeit. Musikalisch und sprachlich treffen sich die beiden Chöre in der Mitte. Sie studieren zusammen jiddische Lieder für ein Konzert in Weimar ein. Die jiddische Sprache ist genau wie der neu zusammengewürfelte Chor ein interkultureller Mix, mit Wurzeln im Aramäischen, Hebräischen, Französischen, Italienischen, Polnischen und Deutschen. So viel zu den Eckdaten. Was aber die feine und vielschichtige Regie von Yvonne Andrä und Eyal Davidovitch daraus macht ist viel mehr als die einfache Begleitung eines musikalischen Projektes. Denn im tieferen Kern geht es um die Überwindung von rassistischen Vorurteilen und die Suche nach dem was uns verbindet und nicht was uns trennt. Der Film ist ein emotionales Gänsehauterlebnis. Einerseits ist es die Musik, die einen tief berührt. Andererseits sind es die jungen Mädchen, die mit pubertären Ängsten und Unzulänglichkeiten konfrontiert sind, aber auch merken, dass sie in einer von Vorurteilen geprägten Welt leben, die mit jugendlichem Pragmatismus betrachtet, einfach nicht viel Sinn ergibt. Ein Film der gerade in der heutigen Zeit, in der es in Deutschland ein großes Problem mit Rassismus und Intoleranz gibt, unglaublich wichtig erscheint. Das anschließende Publikumsgespräch ist dabei hochemotional. Es fließen sogar Tränen, sowohl auf Publikums- als auch auf Regieseite. Auch bei mir. Wobei das natürlich an der trockenen Luft des Kinosaals lag! Ein Dokumentarfilm, der mich unerwartet tief bewegt hat und der einem das Leben leichter macht!

Nachdem ich letztes Jahr mir die Tage ziemlich vollgepackt hatte, versuch ich es dieses Jahr ruhiger angehen zu lassen. Allerdings hab‘ ich jetzt knapp drei Stunden Pause, was irgendwie auch ein bisschen viel ist. Wie man’s macht ist es nicht richtig. Immerhin kann ich die Zeit nutzen, um was Anständiges zu essen. Flädlesuppe und Kässpätzle sind bei dem kalten Wetter, dass Biberach in dieser Woche heimgesucht hat genau das Richtige. Jetzt geht’s in den ersten Debütfilm für mich dieses Jahr. „Sterne über uns“ von Christina Ebelt. Melli hat ein massives Problem. Im Job in der Probezeit, der Kredit ausgereizt und dann wird auch noch die Wohnung überraschend gekündigt. Ihr bleibt nichts anderes übrig als mit ihrem Sohn im Wald zu zelten. Was erstmal nach einem Abendteuer klingt, wird schnell für den Zuschauer zum Albtraum. Der emotionale Strudel in man gezogen wird, nimmt einen richtig mit und tut weh. Die liebende Mutter – herzzerreißend mit Leben gefüllt von der wunderbaren Franziska Hartmann – kämpft an an allen Fronten gegen Windmühlen und probiert trotz ständiger Rückschläge positiv zu bleiben. Vergebens wie sich am Ende rausstellen muss. Denn der Film ist ein untypischer Film und das ist gerade seine Stärke. Christina Ebelt versucht keine Achterbahn der Gefühle zu erzeugen in der es auf und ab geht. Klar gibt es positive Ausreißer, aber eigentlich geht es für Mutter und Sohn eigentlich immer mehr bergab. Kombiniert mit den ruhigen und langen, fast dokumentarischen Kameraeinstellungen lähmt der Film einen und schafft ein realistisches Bild davon, wie es alleinerziehenden Frauen, in einem auf Leistung getrimmten System, mit immer höher steigenden Mieten in Deutschland gehen muss. Spätestens als Ben – großartig besetzt mit Claudio Magno – darüber phantasiert, mit welchem Job er später Geld für seine Mutter verdienen könnte, merkt man, dass man sich das Leben gegenseitig nicht immer nur leichter macht. Eine schmerzvolle Wahrheit, in der Melli die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkennen muss. 

Wieder sind drei Stunden Pause angesagt, bis zum heutigen Tagesabschluss Ich gönn mir gleich zwei Tassen Kaffee, damit ich noch durchhalte. Um 22 Uhr ist es dann soweit. Der erste Kurzfilmblock. Eine Institution bei den Biberacher Filmfestspielen! Das muss man sich mal überlegen: Der morgige Donnerstag ist ein stinknormaler Werktag und trotzdem ist die Vorstellung im größten Kinosaal zu später Stunde mit 270 Leuten restlos ausverkauft! Kein Wunder. Denn egal ob der abhalfterte Schlagerstar Norberto Vasquez (Mein Herz schlägt Schlager), ein unerwartetes Wiedersehen zwischen ehemaligem Schüler und Lehrerin bei einer okkulten Orgie (Wenn wir schon mal hier sind), ein Vater, der die Kennenlerngeschichte zwischen ihm und der Mutter seines Kindes beschönigen muss (Roxy Wundkind), die Zensur von nackter Haut mittels Filzstift in arabischen Landen (Handarbeit) oder wenn Gott und Teufel sich um einen toten Pfarrer streiten (Letzte Runde). Hier werden die Lachmuskeln bis zum Äußersten stimuliert und machen einem das Leben an diesem Mittwochabend leichter. Danach noch ein Glas Wein und dann geht es ins Bett. Tag eins ist rum, Gott sei Dank folgen noch vier! Noch bin ich fit und motiviert!

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