Samstag, 02. November 2019

Pünktlich zum Wochenende kommt die Sonne zurück auf die Biberacher Filmfestspiele. Im Vergleich zu den letzten Tagen ist es endlich mal nicht kalt und nass. Trotzdem zieht es mich natürlich ins Kino. Ich hab‘ mir für heute und morgen nochmal ein paar Filme ausgesucht auf die ich mich sehr freue. Dass ich mit meiner Filmauswahl auch Dinge verpasse ist auch klar. Und so versuch ich noch schnell an Karten für den dritten Kurzfilmblock zu kommen, da gestern viele Filmfestbesucher darüber gesprochen haben. Ich kann allerdings nicht bis zum Ende bleiben, weil ich noch Karten für „Weglaufen geht nicht“ um 12:30 Uhr habe. Ich hab Glück. Eine Karte ging zurück und ich kann rein in das wie immer voll besetzte Kino. Der Block startet mit Kippa. Oskar kommt auf eine neue Schule und beginnt erste Freundschaften zu schließen. Schnell wird er von den Gleichaltrigen akzeptiert, bis er fast beiläufig erwähnt, dass er jüdischen Glaubens ist. Ab da ist alles anders. Plötzlich sieht er sich einer extremeren Mobbingspirale ausgesetzt, die bis hin zu körperlicher Gewalt geht. Ein Film der weh tut, vor allem vor dem Hintergrund des schrecklichen Terrors in Halle vor kurzem. Der Regisseur Lukas Nathrath zieht sich als Filmemacher nicht aus der Affäre und gibt uns mit seinem Ende eine Idee davon, wie man religiöse Konflikte überwinden kann. Auch „Hörst du, Mutter?“ von Tuna Kaptan spielt auf eine lange schwelenden Konflikt an. Eine kurdische Frau wird unter Hausarrest gestellt, weil einen selbstgestrickten Pullover in die Berge zu schicken, schon als Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angesehen wird. Mit ihrer Fußfessel hat sie einen Aktionsradius von maximal 15 Metern. Eigentlich. Mit stoischer Gleichgültigkeit übertritt sie die ihr gesteckten Grenzen immer wieder, was ihren Sohn regelrecht verzweifeln lässt. Für mich ist „Hörst du, Mutter?“ ein Film über politischen, gewaltfreien Wiederstand, der im Kleinen beginnt. 

Danach muss ich leider raus, weil ich ja Karten für „Weglaufen geht nicht“ habe. Doch irgendwie hab‘ ich mich mal so richtig in der Zeit verschätzt und ich bin zu spät dran. Da ich die ersten 15 Minuten leider schon verpasst hab, hol ich mir kurzerhand eine Karte für den mittellangen Spielfilmblock. Der Block startet mit „Off Season“. Ein Paar möchte in einem Wellness-Resort ein wenig Abstand zum beruflichen Alltag bekommen. Doch Judith, die seit kurzem schwanger ist, möchte eigentlich lieber arbeiten. Die Erwartungen ihres Mannes in Puncto Familie stressen sie zusätzlich und bringen sie dazu sich der Frage zu stellen, ob sie überhaupt eine Mutter sein will. Wunderschön komponierte Bilder (Kamera: Sabine Panossian) und eine herrlich ironische Franziska Petri als Judith, die die Geschichte einer Beziehung erzählt, die nach und nach ausblutet. Einen starken Kontrast dazu, setzt „Naiwan – Verlassen“. Ein Pärchen lässt sich auf einer einsamen Insel aussetzen. Was als romantischer Beziehungsurlaub geplant ist, endet im Desaster. In der Geschichte spielt Andreas Irnstrofer mit den Themen Mythologie und (Aber-)Glaube. Sobald man an etwas glaubt, wird es auch wahr und beeinflusst unser Denken, unsere Gefühle und letztendlich unsere Handlungen, so die Idee. Ich möchte‘ jetzt nicht zu viel spoilern, weil das den Spaß beim Anschauen dieses Horrorfilms nehmen würde. Super spannend und toll montiert und geschnitten. Falls ihr über den Film irgendwo mal stolpert – unbedingt anschauen!

Nach einem kurzen Mittagssnack an einem Imbissstand (so gut der Nudelsalat im Traumpalast ist, ich muss mal raus an die frische Luft und was anderes sehen und essen) geht’s in „Baumbacher Syndrome“. Weil ich viel über den Film gehört habe (Gregory Kirchhoff’s Geschichte hat in der vergangenen Woche die Hofer Filmtage eröffnet), bin ich bereits voller Vorfreude. Der erfolgreiche Late-Night-Talker Max Baumbacher – großartig Tobias Moretti – wacht in bester Disney-Manier eines Morgens mit der Stimme eines Monsters auf. Von der plötzlichen Aufmerksamkeit um seine Person überfordert, zieht er sich in die Villa seines Managers auf Mallorca zurück. In der Abgeschiedenheit wird er unweigerlichen mit seinem überhöhtem Selbstbild konfrontiert. Als Schauspieler und Vater gescheitert, als Late-Night-Talker ein Ekelpaket. So richtig Mitleid hat in der Sensationsgeilen Welt niemand mit ihm. Am wenigsten sein depressiver Sohn Damian (Lenz Moretti). Nach und nach entmystifiziert sich Max Baumbacher selbst. Auch durch das Auftauchen der Backpackerin Fida (elit Iscan), die überall auf der Welt zu Hause ist. Obwohl sie halb so alt ist, scheint sie doppelt so fest im Leben zu stehen und die Max Baumbacher mit ihrer lebensbejahenden Art aus seiner Comfort Zone holt. Gregory Kirchhoff schafft es in einer Zeit, wo man sich fragt, wie man überhaupt noch Beziehungsstoffe neu erzählen kann, ein wunderbares, kleines Märchen zu schaffen, was stimmlich laut und in der Botschaft leise und behutsam daherkommt. Es wird spannend zu sehen, wohin sich der erst 27-jährige Regisseur (sic!) noch hin entwickelt!

Ohne Pause folgt direkt der nächste Film, von dem ich im Vorlauf schon einiges mitbekommen habe. Schließlich handelt es sich um „Lara“ von Jan-Ole Gerster, der von wenigen Jahren mit „Oh Boy“ ein unfassbares Debüt hingelegt hat. Entsprechend groß sind die Erwartungen, die nicht enttäuscht werden. Ein bis in die letzten Nebenrollen grandios besetzter Cast, angeführt von Corinna Harfouch die mit ihrem zurückgenommenen Spiel tief ins Herz trifft, auch weil sie nicht immer durch die ganze Geschichte der Sympathieträger ist. Erst nach und nach setzt sich das Puzzle um ihren schwierigen, vielschichtigen Charakter zusammen und man beginnt zu begreifen, wo ihre harte, bisweilen unterkühlte und verkrampft ehrgeizige Art ihre Wurzeln hat. Wie in „Oh Boy“ fällt auch die besondere Bildsprache im neusten Werk von Jan-Ole Gerster auf. Der rostrote Mantel von Corinna Harfouch ist in jeder Einstellung der entscheidende Farbtupfer in gemäldehaften Bildern. Einen Film, den man sich beim baldigen Kinostart auf jeden Fall anschauen sollte. Nach einem Glas Wein falle ich ins Bett. Morgen stehen noch zwei Filme und die Preisverleihung auf dem Programm. Eigentlich würde ich gerne schlafen, weil es ja nach der Gala morgen auch noch eine Party gibt. Meine Gedanken kreisen aber die ganze Zeit um die Filme der letzten Tage und um die Frage, welche Filme wohl gewonnen haben könnten. Ich kann eigentlich in keiner Sektion einen Favoriten ausmachen, schon allein deswegen, weil ich nicht alle Filme gesehen habe. Helga Reichert hat es den Jurys aber, glaube ich, dieses Mal nicht einfach gemacht! 

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