Sonntag, 03. November 2019

„(Keine) Geschenke“

Der letzte Festivaltag bricht mit der Gewissheit an, dass die Entscheidungen um die Preisträger bereits gefallen sind. Auch deshalb liegt eine spürbare Spannung im Traumpalast in der Luft. Die Preisverleihung wirft unweigerliche ihre Schatten voraus. Mit viel Licht und Schatten spielt auch Carlos A. Morelli in seinem Film „Der Geburtstag“ mit Marke Waschke und Anne Ratte-Polle. Einerseits weil es sich um einen kunstvoll ausgestatteten, aus der Zeit gefallenen Film Noir in Schwarz-Weiß handelt. Andererseits weil es in der Geschichte an sich, aber auch in der Beziehung des getrennt lebenden Ehepaars Matthias und Anna und zwischen Vater und Sohn viele dunkle, aber auch helle Momente gibt. Mark Waschke als Matthias ist ein permanent getriebener Mensch. Deadlines bei der Arbeit her, Theaterpremiere der neuen Lebensgefährtin da und dann will er auch noch mit seiner Ex-Frau eine Geburtstagsparty für seinen Sohn Lukas ausrichten und hat nicht mal ein Geschenk. Als am Ende der Feier der kleine Julius nicht von seinen Eltern abgeholt wird, setzt das eine Kette an Ereignissen in Gang, die immer fantasievoller und entrückter ausgestaltet werden und am Ende magisch und märchenhaft werden. Nach und nach baut er in der wie im Traum wirkenden Nacht eine Bindung zu dem kleinen, fremden Jungen auf und muss erkennen, dass er seinen eigenen Sohn vernachlässigt. Wahrscheinlich auch, weil er die Trennung zu Anna noch nicht verarbeitet hat. Neben der tollen Retro-Ausstattung, obwohl die Geschichte in der Gegenwart verortet ist, fällt vor allem die grandiose Kamera von Friede Clausz auf. Lange, ungeschnittene Szenen beginnen in einer Totalen Einstellung und Enden nach einer langen Fahrt im Close-Up. 

Nach Bienenstich und Kaffee darf ich in diesem Jahr mich bei „Figaro Claus“ von den „Barber Angels“ verwöhnen lassen. Eigentlich ist das ein exklusiver Service für die Filmschaffenden. Am Abend zuvor hab‘ ich aber Peter kennen gelernt, der meinte, meine selbst geschnittenen Haare sehen furchtbar aus und er müsse da dringend was machen. Nach einer halben Stunde sehe ich nicht nur wie ein anderer Mensch aus, ich fühle mich auch so. Vor der großen Gala möcht‘ ich aber noch einen letzten Debütfilm anschauen: „All I never wanted“ von Annika Blendl und Leonie Stade. Der Film spielt auf drei Ebenen, die sich nach und nach zusammenfügen. Die beiden Dokumentarfilmerinnen Annika und Leonie, die von den Regisseurinnen selbst gespielt werden, begleiten das Nachwuchsmodel Nina (Lida Freudenreich – tatsächlich Model, die ein starkes Debüt hinlegt) und die Schauspielerin Mareile (gespielt von Mareile Blendl). Nina ist 17 und setzt sich der Fleischbeschauung am Fließband in der Modewelt von Mailand aus. Mareile stirbt als Fernsehermittlerin den Serientod und landet in einer Chaosproduktion mit einem toxisch männlichen Regisseur in der Provinz. Allen Frauen stecken sich hohe Ziele, kämpfen und brennen und bekommen nichts geschenkt. Durch die Mischung aus tatsächlichem Dokumentarfilm, Mockumentary und Improvisation entsteht ein unterhaltsamer Film der, ohne den Zeigefinger zu erheben, die Geschichte von vier starken Frauen, die sich in einer in einer von ständiger Bewertung und Männern dominierten Welt gegen alle Widerstände behaupten. 

Zum Q&A kann ich leider nicht ganz bleiben. Schließlich beginnt in weniger als einer Stunde die große Preisverleihung in der Stadthalle. Ich renne durch den strömenden Regen und zieh mir schnell noch was Galawürdiges an. Die Spannung in der Luft wird zunehmend greifbarer. Die jüngeren Filmemacher nippen teils nervös an ihren Sektgläsern. Die älteren sind noch relativ entspannt. Schließlich sind Filmpreise in gewisser Weise immer subjektive Jury-Entscheidungen. Die Einladung auf Filmfestival wie das bei uns Biberach allein schon ein Gewinn. Kurz nach 19 Uhr hat dann jeder Gast und jeder Filmschaffende seinen Platz gefunden. Wie schon im letzten Jahr führt Rudi Sommer durch den Abend. Bevor es die Verleihung der Biber geht, blickt der 1. Vorsitzende des Filmfestspiels auf den gelungenen Einstand von Helga Reichert als Festival Intendantin zurück. Und um die Spannung noch weiter zu steigern, wird der diesjährige Siegfried Kracauer Preis 2019 für die beste Filmkritik in diesem Jahr in Biberach verliehen. Die Laudatio für den diesjährigen Preisträger Tobias Kniebe für den Text „Der Mann im Schleudersitz“, erschienen in Süddeutsche Zeitungim November 2018 (Filmkritik zu „Aufbruch zum Mond“), wird von einem guten alten Bekannten, nämlich Jochen Laube von der Produktionsfirma „Sommerhaus“ aus Ludwigsburg. Der nutzt nach der Übergabe des Preises gleich als erster von ganz vielen am heutigen Abend die Gunst der Stunde um Helga Reichert und Adrian Kutter für das wunderbare Festival zu danken, was in der ganzen deutschen Filmbranche bekannt ist und sehr geschätzt wird. Noch ein kurzer Rückblick auf die diesjährigen Biberacher Filmfestspiele, dann endlich wird der erste Preis, der Publikumsbiber vergeben. Und zwar an den Debütfilm „Mein Ende. Dein Anfang.“ von Mariko Minoguchi der ab dem 28.11. bereits im Kino zu sehen ist. Es folgt der Favorit der Schüler-Jury. Wieder ein Debütfilm, und zwar „Coup“ von Sven O. Hill. In seiner Dankesrede betont er sich besonders zu freuen, dass sein Film auch beim jüngeren Publikum so gut ankommt. Darauf folgt auch sofort der Sonderpreis „Adrian“, in diesem Jahr verliehen für die beste Kameraarbeit. Nach intensiven und langen Beratungen hat sich die Jury für Michael Hammon (BVK), den Kameramann von „Zwingli – Der Reformator“ entschieden, der bereits seit Donnerstag im Kino zu sehen ist. Der gibt sich bescheiden. Der Dank gelte eigentlich dem Szenenbild und den Beleuchtern, er habe ja nur drauf gehalten und es habe immer sofort gut ausgehen. Mit „Alternativen“ von Benjamin Kramme und Jennifer Sabel (Kurzfilmbiber) und „Schlaf gut. Du auch.“ (Bester mittellanger Spielfilm) werden zwei Filme ausgezeichnet, die ich auch gesehen habe. Traditionell wird der Kurzfilm in voller Länge an der Preisverleihung gezeigt und auch hier, wie schon bei den zwei Screenings im Kinosaal stößt der Film, aufgrund des jahrelangen Abdriften der Gesellschaft nach rechts auf positive Resonanz. 

Bei der Verleihung des Dokubibers wird es dann sehr emotional. Beryl Magoko wird für ihre mutige, filmische Verarbeitung ihrer eigenen Erfahrungen mit weiblicher Genitalverstümmelung ausgezeichnet. Ein Film, den viele Filmfest-Besucher aus Angst, den Film eventuell nicht auszuhalten, umgangen haben. Prof. Eberhard Görner begründet die Vergabe des Preises mit den Worten: „Ein Dokumentarfilm sticht dann aus der Menge heraus, wenn man anhand der Geschichte eine Person, die gesamte Menschheit begreift.“ Die Preisträgerin wird im Anschluss mehrmals von ihren Emotionen überwältigt. In ihrer Dankesrede betont sie, wie wichtig es ist, gegen das Leid was Frauen mit der Genitalverstümmelung angetan wird, aufzustehen. Ein bewegendes Statement, bei dem es am Ende keinen mehr auf den Sitzen hält. Standing Ovations für Beryl Magokos Film, ihren Mut und ihre Botschaft. Danach hat die grandiose Ko-Moderatorin der diesjährigen Filmfestspiele Kathi Wolf, keine leichte Aufgabe. Doch mit ihrem gelungenen, kabarettistischen Rückblick auf die Filmfestspiele lockert sie die Stimmung wieder auf, vor der Vergabe der letzten drei Preise. Die Debütspielfilmjury tat sich besonders schwer, wie deren Sprecher Felix Hassenfratz betont. Deshalb gibt es zunächst eine lobende Erwähnung für „Sterne über uns“ von Christina Ebelt. Der eigentliche Preis geht schließlich „Kopfplatzen“ von Savas Ceviz, der in den vergangenen Tagen auch beim Festivalpublikum in aller Munde war. Anschließend freut sich Dirk Kummer über den Biber für den besten Fernsehfilm, betont aber auch wie absurd schwierig es war einen Film mit vier afroamerikanischen Schauspielern gegen manche Widerstände in der Fernsehlandschaft durchzudrücken. 

Der goldene Biber für den besten Spielfilm geht schließlich an die moderne Romeo und Julia Hommage im „Im Niemandsland“ von Florian Aigner. Besonders sympathisch vom Regisseur: Die Trophäe darf seine Hauptdarstellerin Emilie Neumeister mit nach Hause nehmen. Insgesamt hatten die meisten Preisträger dieses Jahr einen mehr oder weniger starken politischen Hintergrund. Vor dem Hintergrund des aktuellen Zeitgeistes und jüngster Wahlergebnisse auch ein wichtiges Signal aus der Filmbranche! Im Foyer wird noch bis spät in die Nacht hinein bei dem ein oder anderen Glas Sekt und vollgeschöpften Teller gefeiert, aber auch nach wie vor angeregt über die Filme diskutiert. Die 41. Biberacher Filmfestspiele sind Geschichte. Im Hintergrund laufen schon die Planungen fürs nächste Jahr. Der ein oder andere Filmschaffende wird schon überlegen, ob er es bis zur nächsten Einreichefrist schafft, vielleicht noch einen Film fertig zu bekommen, um auch im nächsten Jahr wieder dabei sein zu können. Ich werde es in jedem Fall. Die Tage vom 27. Oktober bis zum 1. November 2020 werden jetzt schon frei gehalten!

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