Freitag, 02. November 2018

Ich stehe vor dem Toilettenspiegel im Traumpalast. Mehrmals überprüfe ich ob meine Augen eventuell schon CinemaScope Format (21:9) angenommen haben. Irgendwie hab‘ ich beinahe jegliches Gefühl für Zeit und Raum verloren. Ich muss mehrmals überlegen, welcher Wochentag ist, so tief bin ich inzwischen in die Parallelwelt des Filmfestes abgetaucht. Die dunklen Kinosäle, der wenige Schlaf. Es könnte 11 Uhr morgens, aber auch 3 Uhr in der Nacht sein. Es ist aber 12:40 Uhr. Philipp Hirsch präsentiert um diese Uhrzeit seinen Debütspielfilm „RAUS“. Und was für eins. Glocke (Matti Schmidt-Schaller) ist in Lena verknallt. Um die Punkerin zu beeindrucken, zündet er die fette Bonzenkarre des prolligen Zuhälters „Herrman the German“ an.  Jetzt ist ihm aber die Polizei auf den Fersen und so entscheidet er sich wie vier andere Jugendliche, die sich mehr oder weniger durch ein Online-Spiel kennen, dem Ruf des Aussteigers Friedrich in die Wildnis zu folgen. Der Fußmarsch zu dessen gut versteckten Hütte wird zur Reise eines jeden zu sich selbst, aber auch zueinander. Drehbuchautor und Regisseur Philipp Hirsch führt die fünf Jugendlichen schauspielerisch aber auch dramaturgisch perfekt durch den Film. RAUS hat einen gewaltigen Rhythmus. Er fühlt sich an wie ein gut komponierter Popsong. Schnelle Wechsel im Erzähltempo, ein rasanter Schnitt der Montagen und darunter tiefe Gefühle und eine gesunde Portion Humor. RAUS schafft den Spagat zwischen Unterhaltung und der Vermittlung eines Inhaltes, der einem zum Nachdenken anregen soll, mühelos. Ein echtes Kinoerlebnis.

Irgendwie ziehen mich in diesem Jahre die Debütfilme magisch an. Als nächstes geht’s für mich in „WO KEIN SCHATTEN FÄLLT“. Die 14-jährige Hanna (gespielt von Valerie Stoll) ist nach mehreren Jahren Internat fremd im eigenen Dorf. Die abergläubische Landbevölkerung bringt den Tod dreier Männer vor mehr als einem Jahrzehnt, mit dem zeitgleichen Verschwinden von Hanna’s Mutter in Verbindung. Die Dorfbewohner glauben, Hanna sei, wie auch ihre Mutter, eine Hexe, die Männer in dem nahen Moor führt und tötet. Die Macher erschaffen einen Mix aus Horrorfilm und Psychothriller, einen wahren Genrefilm, der stellvertretend für die neuen, mutigen Erzählweisen der Nachwuchsfilmemacher Deutschlands steht. Und so freuen sich die Regisseurin Esther Bialas, die Produzenten und auch Schauspieler Sascha Alexander Geršak diebisch darüber, dass sich die älteren Kinozuschauer reihenweise immer wieder zu tiefst erschreckt haben. 

Nach einem schnellen Kaffee, geht es endlich in den ersten Dokumentarfilm, nämlich PARALLELWELT. Irgendwie kommen die bei mir jedes Jahr zu kurz und jedes Jahr nehm ich mir vor beim nächsten Mal mehr davon anzuschauen. Es gibt einfach zu viele Filme und zu wenig Zeit. Ich wünsch mir für das nächste Jahr einfach einen Zeitumkehrer. PARALLELWELT von Kevin Koch und Franziska Kirchner erzählt von Jennifer, die seit drei Jahren auf den Straßen Nürnbergs lebt. Sie hat Drogensucht und Gefängnis schon hinter sich. Und obwohl sich immer wieder Chancen bieten in ein anderes, altes Leben zurückzukehren, nutzt sie diese nicht. Fast genau so berührend wie der Film, sind die Geschichten die Kevin Koch und Franziska Kirchner zu den Dreharbeiten erzählen, in denen sie mit Jennifer auf der Straße gelebt haben. 

Eigentlich würde ich jetzt gerne nach Hause gehen. Ich bin müde und die letzten Filme gehen um 22:30 Uhr los. Da ich aber schon im letzten Jahr keine mittellangen Filme gesehen habe, versuche ich die Zeit tot zu schlagen. Zufällig ergibt sich ein langes Gespräch mit einer Schauspielerin über verschiedene Regietechniken. Wir verabreden uns für den nächsten Tag auf einen Kaffee. Müde schleppe ich mich in Richtung Kinosaal und gönn mir zum ersten Mal in diesen Tagen eine große Cola und Chips. Am Ende bin ich froh in diesen Block von mittellangen Filmen gegangen zu sein. DER LEUCHTTURM und PYGMALION bringen einen zum lachen und sind so ein gutes „Betthupferl“. Um nicht zu viel zu verraten, zu dem ein kurze Assoziation, die Lust auf mehr machen soll.

  • DER LEUCHTTURM: „Bist du eine Maschine?“
  • PYGMALION: „Let it go“
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